Rampensau
(Juli 2009)
Vor ein paar Jahren hat mich mal jemand als Rampensau tituliert.
Es stimmt: Ich bin jemand, der gerne im Mittelpunkt steht. Ich mag es sogar vor Leuten zu reden und mich in irgendeiner Weise darzustellen.
Mit 16 habe ich angefangen in einer Band zu spielen und Konzerte zu geben. Später habe ich nur noch Musik in Gemeinden gemacht und muss gestehen, dass der Unterschied zwischen einem Konzert und Musik in der Kirche anleiten ziemlich fließend ist. Beides hat mit Selbstdarstellung zu tun. Andere Behauptungen halte ich für Wunschdenken und falsche Demut.
Ach nein: Wahrscheinlich bin ich spirituell einfach nicht so gereift wie andere Rampensäue.
Nun gut: In jüngster Vergangenheit geht es weiter. Ich predige, schule, rede, rede und rede. Dabei denke ich oft, dass es Relevanz hat, was ich so von mir gebe.
Hat es ja womöglich auch.
Gepaart sind diese Erfahrungen aber gerade mehr und mehr mit der Einsicht, dass andere noch viel mehr zu sagen haben, als ich selbst. Und am schlimmsten an dieser Einsicht ist, dass es fast immer Leute sind, die mir sehr nahe stehen. Die engsten Mitstreiter.
Es kann also nicht mal mehr darum gehen, dass ich mich profilieren will, meinen Standort klar stelle oder meine Nische in den vielen Aufgaben suche, weil es der Sache eben nicht dienen würde.
Anscheinend geht es darum, den Leuten, die vielleicht gerade mehr zu sagen haben Raum zu geben, Plattformen zu schaffen und sich dann zurückzulehnen und den Gedanken der anderen genussvoll zu lauschen.
Ermöglicher sein.
Das will zwar jeder, aber einer Rampensau fällt es irgendwie schwer. Eine Rampensau zweifelt dann schnell an der eigenen Existenzberechtigung oder hat das Gefühl völlig an der eigenen Bestimmung vorbei zu leben.
Meine Hoffnung ist jedoch eine andere: Ich hoffe, dass ich in meinem Leben die Balance finde. Eine Ausgewogenheit zwischen reden und schweigen, zwischen agieren und abwarten, zwischen verändern und verstehen.
Ich glaube, dass ich in der Vergangenheit zu schnell gesprochen habe. Ich glaube, dass ich Menschen ihre Plattformen nicht eingeräumt habe, weil ich selbst viele Plattformen genutzt habe. Und jetzt versuche ich eben wieder ein Gleichgewicht zu schaffen.
Kurz: Ich glaube, dass diese Welt besser werden würde, wenn Rampensaeue sich zurücknehmen könnten.
Karriere
(November 2008)
Gerade bin ich in Deutschland. Und scheinbar dreht sich das Leben schnell um die Frage nach Erfolg und Ansehen. Mir ist schon klar, dass das ein Vorurteil ist und dass ich auf diese Themen anspringe. Und trotzdem: gestern habe ich mit einem guten Freund mal wieder ein Gespräch über Karriere geführt und die Frage, was wir eigentlich im Leben erreichen wollen?
Ehrlich gesagt: Das Gespräch war wirr. Und wahrscheinlich hat das viel damit zu tun, dass wir auch wirr im Kopf sind. Wir schwanken zwischen beruflichen Herausforderungen, Vorträgen, Büchern, Fortbildungen, Seminaren, Familie, Saugen, Windeln wechseln und Kindergeschrei.
Eine Spannung, die wir kaum aushalten. Auf Karriere haben wir da irgendwie keinen Bock mehr. Wir kriegen jedenfalls Karriere und Kinder nicht unter einen Hut. Vielleicht wollten wir das auch gar nicht.
Mein Freund plant daher 2011 aus dem Beruf auszusteigen, weil er da keinen Bock mehr drauf hat. Und ich? Ich denke mir, dass so eine 50/50 Teilung wie wir sie gerade haben echt ein Privileg ist. Und wenn ich an Karriere denke, dann könnte das nächste Ziel auch durchaus sein 2011 auszusteigen und Familienmanager zu werden.
Insgesamt wurde mir bei all diesen Gedanken mal wieder deutlich, wie privilegiert wir eigentlich sind:
Fast alle in Deutschland haben einen Schulabschluss, viele eine Berufsausbildung und einige einen Hochschulabschluss. Manche, haben wie ich noch eine Weiterbildung draufgesattelt oder Bücher veröffentlicht. Das ist schon eine ganze Menge.
Und nein: Ich habe kein Problem mit Bildung und ich will auch nicht sagen, dass wir aufhören sollten uns zu bilden. Spannend finde ich die Motivation die dahinter steckt. Worum geht es im Leben, wenn du immer mehr erreichen willst und dich nach Weiterbildung und/oder Karriere sehnst? Geht es darum, noch erfolgreicher zu sein, mehr Geld zu verdienen, mehr zu sagen zu haben und mehr Ansehen von anderen zu erhaschen?
Wenn dem so ist, dann ist deine Karriereplanung vielleicht einseitig und du solltest dir wie ich ein paar kritische Gedanken machen, worum es eigentlich im Leben geht, was du wirklich erreichen willst und wer dir am Ende wirklich dankbar für deine ach so erfolgreiche und voll gestopfte Karriereplanung ist?
Ich merke bei mir selbst, dass mir meine Lebensplanung umgekrempelt wird. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich noch mehr lernen will (im klassischen Sinne), wo ich doch eigentlich schon so viel weiß und das Leben mich so ganz nebenbei Lektionen lehrt. Lektionen, die aber vorerst nichts mit beruflichem Weiterkommen zu tun haben. Sie gehen eher in Richtung Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Gelassenheit und Entschleunigung. Sie haben mit dem Alltag zu tun, der mir täglich vor die Füße fällt, wenn ich Frühstück für meine Kinder mache oder Freunde treffe.
Natürlich arbeite ich auch noch. Ich arbeite für eine halbe Stelle auch viel. Ich arbeite auch gerne und ich bin leidenschaftlich bei dem, was ich tue. Allerdings habe ich gelernt es auszuhalten, dass andere (oft ist das gerade meine Frau) Dinge anders und trotzdem mindestens genauso gut machen wie ich. Ich stelle fest, dass ein Vormittag, der mit Joggen verbracht ist wichtiger sein kann, als beantwortete Emails. Ich stelle fest, dass sich die Beziehung zu meinen Kindern verändert, je mehr Zeit ich mit ihnen verbringe. Ich stelle auch fest, dass sich meine Rolle als Mann ändert.
Karriere im klassischen Sinne passt da gerade nicht mehr rein. Und Afrika hat mich gelehrt, dass Karriere im klassischen Sinne ein Luxusgut ist, auf das ich zu großen Teilen verzichten kann.
Als Familie brauchen wir nur e-i-n geregeltes Einkommen. Wir brauchen e-i-n altes und fahrendes Auto und eine Wohnung, die zu uns passt. Wir brauchen ein paar gute Bücher, einen Fernseher und viele Freunde. Manchmal brauchen wir auch das Internet, um Emails zu schreiben. Mehr brauchen wir nicht.
Oder anders formuliert: Ich habe schon genug. Ich habe auch genug erreicht. Es ist mehr als bei den meisten anderen…