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Blitzlichter

 

Ich nannte sie Diva!

 

(Juni 2008)

 

Immer wenn ich ihr begegnet bin, dann war sie im Schatten ihres Mannes. Dort glänzte sie. Sie saß neben ihm als Ehrengast auf Konferenzen. Sie war in der ersten Reihe bei seinen Predigten und sie sah immer gut aus. Edel gekleidet, wohl genährt, mit Schmuck behangen und langsamen Schritten. Sie war still, sie schien naiv ihren Glanz zu genießen.

 

Ihr Mann ist erfolgreich: Pastor der reichsten und größten Gemeinde der Denomination. In dieser war er auch Präsident und Generalsekretär. Ein Pastor, der es bis ganz nach oben geschafft hat und auch gerne den Erfolg gepredigt hat. Da passt es doch ins Bild, dass Gott dem Paar nach 20 Ehejahren einen Sohn geschenkt hat. Ein Wunder. Ich wunder mich auch immer wieder, wenn ich das 16-jährige verwöhnte Riesenbaby an der Seite seiner Eltern bei jeder Aktion sehe. Diva Nummer 2 – vielleicht.

 

Der Diva gebührt hier alle Ehre: Sie ist die Unterstützung der Berufung. Der Erfolg des Mannes, der Gemeinde und vieler Menschen ist nur wegen ihr möglich gewesen. Sie ist die Hilfe, die Gott an seine Seite gestellt hat.

 

Vielleicht kann man meinen Sarkasmus lesen: Ich habe mich über die beiden amüsiert. Immer wieder. Unterhaltsame Predigten am Rande des Wohlstandsevangeliums und eine kleine Diva, die hinter ihrem starken Mann hinterhergeht. Ja ich habe auch über die beiden gelästert – natürlich nur vor meiner Frau. Ich habe über die Diva schlecht gedacht. Natürlich nur still und für mich alleine: Ich bin schließlich ein guter Christ und ich weiß was sich gehört. Natürlich habe ich mit der Frau auch nie mehr als Smalltalk geführt – sie war mir viel zu suspekt, zu schick, zu glamourös, zu angepasst, sicher nicht berufstätig, ja und ich war mir sicher: zu doof!

 

Heute war ihre Beerdigung. Durch einen Schlaganfall wurde sie viel zu früh aus dem Leben gerissen. Passt nicht wirklich ins Bild.

 

Vier Stunden lang habe ich in dem Gottesdienst abwechselnd geweint und gebetet. Ich habe mal wieder eine bittere Lektion gelernt und es hat wehgetan. Wer bin ich eigentlich, dass ich mir über eine Frau und ihre Ehe ein Urteil bilde aufgrund der Dinge, die ich in 5-7 Begegnungen, in Gottesdiensten und auf Konferenzen wahrnehme. Wer bin ich, dass ich meine, eine Person einschätzen zu können aufgrund dessen, was ich sehe und unterstelle.

 

Ich war und bin erschrocken, wie deutlich mir wurde, dass ich unfähig bin Menschen einzuschätzen. Ich kann ihr Herz nicht sehen, ich kenne sie nicht. Ich bin mal wieder dankbar, dass Gott groß ist und unsere Herzen kennt. Ich hoffe sehr, dass er mir gnädig ist und mir mehr Liebe, Zurückhaltung und Weisheit schenkt.

 

Die Diva ist tot und ich bin überzeugt davon, dass sie jetzt mit Gott feiert. Sie hat den guten Kampf bis zum Schluss gekämpft und zwar mehr als gut. Das war der Grundton in den ungelogen 20 Grußworten. Die Diva hat ein Diplom in Theologie und Krankenpflege. Sie hat ihr ganzes Leben als Krankenschwester für Minenarbeiter gearbeitet, weil es ihre Berufung war, sich um das Wohl von Schwachen zu kümmern. Das Minenmanagement hat ihr den Namen „Harmonie“ gegeben und viele Menschen haben bezeugt, dass sie nur sind, was sie sind, weil die Diva sie gefördert, aufgezogen, die Studien finanziert oder einfach Vorbild gewesen ist.

 

Die naive und glamouröse Hausfrau und Pastorengattin war ganz anders, als ich es erwartet habe: Sie war stark, fleißig und demütig. Still aber humorvoll. Fürsorglich und annehmend. Sie hatte die Berufung für andere da zu sein.

 

Vielleicht war die Diva so, wie ich gerne sein will und ich habe es nicht mal gemerkt. Wahrscheinlich hat sie viele der Ideale verkörpert, die mir wichtig sind und ich habe sie abgeurteilt, in die Ecke gestellt und abgehakt. Abgestempelt.

 

Ich lag falsch. Richtig daneben. Die Chance es der Diva zu sagen oder zumindest sie kennen zu lernen ist vorbei. Das ist auch nicht so wichtig, denn ich habe meine Lektion mal wieder gelernt:

 

Gott wirkt auf einmalige Weise in unterschiedlichen Menschen. Das kann ich in meiner Beschränktheit nur demütig anerkennen und erspare mir gerne jedes weitere Urteil. Klappe halten ist angesagt.

   

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